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Regierungserklärung
„Raum für Familien - Chancen für Kinder“ - Elterngeld weiterentwickeln, Kinderbetreuung ausbauen, Bildungsort Familie stärken
Regierungserklärung der Staatsministerin für für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen Christine Haderthauer im Bayerischen Landtag am 18. Juni 2009
Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.
Frau Präsidentin,
meine Damen und Herren!
Einleitung
"Kinder haben Anspruch auf Entwicklung zu selbstbestimmungsfähigen und verantwortungsfähigen Persönlichkeiten." Die Bayerische Verfassung ordnet Kindern in Art. 125 einen elementaren Anspruch zu, der sich an uns alle richtet
Familie: Ort für Lebenschancen
Es gilt heute wie früher: Familie ist der Ort für Zukunft und Lebenschancen von Kindern.
Außerfamiliäre Einrichtungen und Angebote für Kinder und Jugendliche leisten wichtige Arbeit, aber wir alle spüren, wie schnell der Staat, nicht nur finanziell, an seine Grenzen gerät, wenn er Versäumnisse oder Fehlleistungen von Eltern reparieren will. Die Grundlage für einen gelungenen Start ins Leben ist Liebe und Geborgenheit, Bindungsfähigkeit. Etwas, das sich nur sehr schwer, wenn überhaupt, "nachholen" oder "reparieren" lässt.
Nichts und niemand kann Familie, die eigene Mutter oder den eigenen Vater ersetzen. Elternverantwortung und Elternleistung, die drei für alle Kinder unerlässlichen "Z" - Zuwendung, Zeit und Zärtlichkeit -, sind persönlich gemeint, persönlich geschuldet, nicht ersetzbar, nicht austauschbar. Was Familie kann, kann nur Familie!
Familie ist eingebettet in gesellschaftlichen Rahmen
Familie ist aber nicht allein Privatsache. Was Familien leisten, oder eben nicht zu leisten im Stande sind, wirkt sich unmittelbar auf das Gemeinwesen aus.
Die Kosten der Jugendhilfe, der Bedarf gezielter Unterstützung von Schülerinnen und Schülern durch Jugendsozialarbeit, Jugendliche ohne Schulabschluss, Kinder mit körperlichen oder sprachlichen Defiziten führen uns das deutlich vor Augen.
Zu allen Zeiten war Familie eingebettet in einen gesellschaftlichen Rahmen, der ihr Raum und Unterstützung gegeben hat. Im Laufe der Zeit haben sich die Erwartungen an das, was Familie leisten soll oder kann und an das, was der Staat zu leisten hat, gewandelt. Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, der ständigen Entwicklungen unterliegt, der atmet. Hierauf gibt es keine einfachen Antworten.
Genauso, wie man nicht alles was im Argen liegt, den Eltern anlasten kann, sollte man ihnen nicht jede Aufgabe, bei der sie Hilfe brauchen, einfach aus der Hand nehmen und dem Staat überantworten. Genauso wie der Staat nicht der bessere Unternehmer ist, ist er auch nicht der bessere Vater. Davon auszugehen, dass professionelle Kräfte alles besser machen als Eltern, ist genauso falsch wie eine überkommene Idealisierung von Elternschaft.
Kinder stehen heute weitaus mehr als früher im Mittelpunkt der Familie. Sie erfahren mehr Förderung, werden stärker als eigenständige Persönlichkeiten respektiert und haben mehr Freiräume als die Generation ihrer Eltern und Großeltern (Generationenbarometer von Allensbach).
Eltern haben hohes Verantwortungsbewusstsein
Der ganz überwiegende Teil der Eltern zeigt ein hohes Verantwortungsbewusstsein und Bemühen, das Beste für die eigenen Kinder zu erreichen. Ein ganz besonderes Augenmerk möchte ich auf die Leistung der Alleinerziehenden richten, die sich häufig genug Elternschaft anders vorgestellt haben und die dennoch ihre Familienverantwortung unter oft schwierigen Bedingungen bewundernswert wahrnehmen. Alleinerziehende Mütter und Väter haben in besonderem Maße einen Anspruch auf unsere Unterstützung. Ihre spezielle Situation möchte ich zukünftig noch stärker in den Blick nehmen.
Raum für Familien - Unterstützung durch Staat
Die Verantwortungsbereiche von Eltern und Staat müssen im Interesse der Kinder ineinandergreifen. Daher brauchen wir beides: Raum für Familien, damit Eltern gestärkt und in ihrer Erziehungsverantwortung unterstützt werden und den Staat, der in Einrichtungen und Angeboten Kinder und Jugendliche anspricht, abholt, auffängt, fördert.
Lebenschancen, das sind heute vor allem soziale Schlüsselkompetenzen und eine gute Persönlichkeitsentwicklung. Sie bilden die Grundvoraussetzung dafür, dass später Bildung gelingen kann. Bildung ermöglicht eine erfolgreiche Ausbildung, materielle Selbständigkeit, beruflichen Erfolg, Anerkennung und damit sozialen Status.
Diese Lebenschancen zu schaffen, ist eine Aufgabe der Eltern und gleichzeitig der gesamten Gesellschaft und zwar auf allen Ebenen. Um ihren Aufgaben nachkommen zu können, brauchen Familien zeitlichen und finanziellen Raum, aber auch passende Rahmenbedingungen. Der Rahmen muss sich dem Bild anpassen, nicht das Bild dem Rahmen! Das heißt, die Rahmenbedingungen müssen sich den Lebensentwürfen unserer Familien und nicht die Lebensentwürfe von Familien den Rahmenbedingungen anpassen.
Familienzeit muss materielle und soziale Sicherheiten schaffen, anstatt sie zu beeinträchtigen. Familienarbeit muss aufgewertet werden. Im Erwerbsleben brauchen wir Bedingungen, die nicht allein die Vollzeitpräsenz belohnen. Arbeitgeber haben ihren Beitrag zur Familienfreundlichkeit genauso zu leisten wie die öffentliche Hand beim Ausbau der Kinderbetreuung und anderer unterstützender Strukturen.
Lebenschancen von Anfang an
Die Staatsregierung stellt ihren Teil an dieser Gesamtverantwortung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Wir wollen Kindern in Bayern Chancen eröffnen und sichern, wie sie noch keine Generation vorher hatte. Lebenschancen von Anfang an: Das soll das weiß-blaue Markenzeichen für Bayerns Kinderfreundlichkeit sein und ich bitte bei diesem Ziel parteiübergreifend um Unterstützung des gesamten Hauses.
Wir haben im Freistaat diesen Weg bereits erfolgreich beschritten. Wie wir ihn fortsetzen wollen, will ich Ihnen heute darstellen.
Verlässlicher Familienleistungsausgleich - Wertschätzung der Arbeit in der Familie
Raum für Familien heißt gerade auch Familien finanziellen Spielraum für ihren Lebensentwurf zu verschaffen.
Kindergeld und Kinderfreibeträge entlasten Familienhaushalte und Alleinerziehende und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Armutsvermeidung. Sie sollen auch in Zukunft dynamisch fortgeschrieben werden. Ziel bleibt für uns ein einheitlicher Steuerfreibetrag für alle Haushaltsmitglieder in Höhe von 8000 €.
Das Ehegattensplitting ist ein unverzichtbarer Beitrag zur persönlichen Lebensplanung von Eltern. Es ist die Gegenleistung der Gesellschaft für die Rechte und Pflichten, die Eheleute gegenseitig übernommen haben, für die Übernahme verbindlicher Verantwortung, die der Ehe innewohnt! Das Ehegattensplitting gibt Familien Raum für partnerschaftliche Aufgabenteilung nach den eigenen Vorstellungen.
Elterngeld weiter entwickeln - Möglichkeiten für Väter ausweiten
Das Elterngeld hat sich als Erfolgsmodell profiliert. Es bietet gerade Alleinerziehenden eine wichtige Unterstützung und es hat Bayerns Väter in hohem Maße zu einem partnerschaftlichen Lebensentwurf ermutigt. Deshalb stehen wir einer Ausweitung der Partnerkomponente aufgeschlossen gegenüber.
Betreuungsgeld
Das Betreuungsgeld wird kommen! Es stellt die notwendige Balance in der Familienpolitik her. Wenn wir mit hohen Summen an Steuergeldern die Kinderbetreuung für unter Dreijährige ausbauen, braucht es auch ein Signal an junge Eltern und Alleinerziehende, die ihr Kleinkind selber betreuen.
Was Länder wie Finnland und Schweden vorgemacht haben, nämlich eine bedarfsgerechte Versorgung mit Kindertageseinrichtungen bei gleichzeitiger finanzieller Anerkennung der häuslichen Kinderbetreuung, sollte auch bei uns möglich sein.
Eine Leistung für bayerische Familien: Das Landeserziehungsgeld
Ginge es nach den Vorstellungen von Teilen der Opposition in diesem Hause, dann gäbe es das Landeserziehungsgeld schon seit mindestens 5 Jahren nicht mehr mit der Folge, dass über 200.000 Familien und Alleinerziehende in Bayern im zweiten oder dritten Lebensjahr ihres Kindes auf bis zu 18 % Familieneinkommen hätten verzichten müssen. Ein wichtiger Faktor, wenn wir über die Armutsrisiken von Kindern oder Alleinerziehenden diskutieren!
Bessere Anerkennung der Kindererziehung in der Rentenversicherung
Klare Priorität für kinder-, ja enkelgerechte Politik bedeutet für mich aber auch: Wer Kinder bekommt und erzieht, braucht mehr als ideelle Anerkennung. Kindererziehung muss sich stärker lohnen, auch in der Rente. Die Anrechnung von drei Kindererziehungsjahren genügt nicht. Wer zugunsten der Kindererziehung seine Erwerbstätigkeit einschränkt, darf nicht zum Verlierer unseres Rentensystems werden.
In einem ersten Schritt gilt es, dafür zu sorgen, dass Frauen, die in den 70er- und 80er-Jahren Kinder bekommen haben, nicht in ein Versorgungsloch fal-len. Die heute schon bestehende kindbezogene Hochwertung von Entgelten von Müttern bzw. Vätern um bis zu 50 % in den ersten zehn Lebensjahren des Kindes muss auch auf Zeiten vor 1992 ausgedehnt werden. Gleiches gilt für die Gutschrift, wenn kinderbedingt keine Erwerbstätigkeit ausgeübt wird.
Infrastruktur für Familien
Neben finanziellem Raum brauchen Familien auch eine unterstützende Infrastruktur.
Heute haben so gut wie alle Kinder in Bayern zum Zeitpunkt der Einschulung schon eine Kindertageseinrichtung besucht. Besonders steil ist der Anstieg der außerfamiliären Betreuung in der Altersgruppe der Kinder unter drei Jahren: Waren es im Jahr 2002 noch 3,5 %, sind es aktuell bereits 18 %, das entspricht rund 58.000 Plätzen! Dieser Trend wird sich fortsetzen und beschreibt einen tiefgreifenden Wandel von Kindheit und Familienleben.
Dynamischer Ausbau der Kinderbetreuung
Der Ausbau der Kinderbetreuung läuft in Bayern auf Hochtouren. Das konkrete Tempo bestimmen die Kommunen. Jeder Platz, den sie uns als bedarfsnotwendig melden, wird bis zu 80 % gefördert - ohne Deckelung! Bayern schießt zu den 340 Mio. € für die Investitionskostenförderung aus Bundesmitteln mindestens 100 Mio. € zu.
Ich stelle fest, dass sich immer mehr Kommunalpolitiker mit großem Engagement ihrer gesetzlichen Verantwortung stellen. Deshalb bin ich guter Dinge, dass wir gemeinsam Bedarfsgerechtigkeit bis zum Jahr 2012 erreichen, ein Jahr vor der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz.
Das kindbezogene Fördersystem und das BayKiBiG haben sich bewährt. Auch dieses Gesetz ist nicht statisch, sondern wird kontinuierlich weiterentwickelt. Zielführende Anregungen dazu aus diesem Hohen Haus werden wir gerne aufgreifen.
Die Qualität dieses Fördersystems drückt sich auch in Zahlen aus: Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass der Freistaat Bayern im Jahr 2008 von den Gesamtkosten der Kinderbetreuung in Bayern 42 % getragen hat. Kein anderes westliches Flächenland beteiligt sich mit einem so hohen Finanzierungsanteil an der kommunalen Aufgabe „Kinderbetreuung".
Kinderbetreuung in Bayern: Chancengerechtigkeit im Blick
In der Kinderbetreuung hat sich weit mehr geändert, als die Zahl der Betreuungsplätze und der betreuten Kinder. Ging es früher mehr um die Entlastung erwerbstätiger Eltern, ist Kinderbetreuung heute ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens und Lernens der meisten Kinder.
"Bayerischer Bildungs- und Erziehungsplan" heißt das Stichwort, "Auf den Anfang kommt es an" heißt die Leitlinie. Von Kindertageseinrichtungen, aber auch von Tagesmüttern, wird heute Bildungs- und Erziehungsarbeit erwartet, die von der Ausbildung personaler und sozialer Basiskompetenzen bis zum Erwerb sprachlicher Fertigkeiten reicht.
Sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich sozial bedingter Benachteiligungen, frühkindlicher Fehlentwicklungen und familiärer Versäumnisse. Auch gibt es heute keinen Zweifel mehr an der Bedeutung, den die Qualität der frühkindlichen Bildung für den Schulerfolg und damit für die Zukunft und die Lebenschancen unserer Kinder hat.
Kinder mit Migrationshintergrund
21,7 % der Kinder in bayerischen Kindertageseinrichtungen haben einen Migrationshintergrund. Dem besonderen Aufwand, der ihrer Integration geschuldet ist, tragen wir mir dem um ein Drittel erhöhten Förderfaktor 1,3 Rechnung. Mit den vorschulischen Sprachkursen in ganz Bayern haben auch diese Kinder beim Schulanfang gute Startchancen.
Kinder mit Behinderung
Mit dem Förderfaktor 4,5 tragen wir dazu bei, dass Kinder mit Behinderung in den Regelkindergärten mitbetreut werden können. Die hervorragende integrative Arbeit, die damit möglich wird, prägt heute Einstellungen und Haltungen der Erwachsenen von morgen.
Qualität in der Kinderbetreuung
Vieles zur Verbesserung der Qualität der Kindertageseinrichtungen haben wir in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht. Unser Bayerischer Bildungs- und Erziehungsplan gilt bundesweit als Vorbild.
Auch bei der wachsenden Herausforderung Sprachförderung haben wir Maßstäbe gesetzt: Denn ohne Sprachkompetenz kann Bildung nicht gelingen. Dies gilt für alle Kinder. Daher wollen wir jeder Einrichtung ermöglichen, ihr Fachkräfteteam mit dem besonderen Schwerpunkt Vermittlung von Sprachkompetenz zu schulen und stellen dafür 44 Mio. € bis 2011 zur Verfügung. Die Förderkonditionen werden derzeit überarbeitet und noch attraktiver ausgestaltet, damit alle Kindertageseinrichtungen davon profitieren.
Qualitätsverbesserung
Die Staatsregierung wird noch in dieser Legislaturperiode begleitend zum Ausbauprogramm die Qualitätsoffensive „QuiK" starten. QuiK steht für Qualität in der Kinderbetreuung und diese hat Vorrang vor einem gebührenfreien Kindergartenjahr.
Verbesserung Anstellungsschlüssel
Die Verbesserung des für die staatliche Förderung relevanten Anstellungsschlüssels von 1:12,5 auf 1:11,5 zum laufenden Kindergartenjahr trägt bereits Früchte. Die bayerischen Kinderbetreuungseinrichtungen konnten dadurch den tatsächlichen Anstellungsschlüssel im Durchschnitt von 1:10,86 im Jahr 2007 auf 1:10,31 zu Jahresbeginn 2009 verbessern.
Ziel - und auch in der Koalitionsvereinbarung verankert - ist ein verbindlicher Anstellungsschlüssel von 1:10 und damit in etwa ein Personal-Kind-Verhältnis von 1:8 in Kindergärten und 1:4 in Kinderkrippen.
Ein erster Schritt auf diesem Weg sieht vor, Einrichtungen mit 50 % der Zusatzkosten des erforderlichen Personals zu fördern, wenn sie freiwillig den angestrebten Anstellungsschlüssel 1:10 verwirklichen.
Mangel an Fachkräften
Allerdings sind auf diesem Weg hohe Hürden zu nehmen. Schon jetzt klagen vor allem die Ballungsräume über fehlende Fachkräfte.
Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen stehen vor neuen Herausforderungen und hohen Erwartungen. Wir sollten uns darüber klar werden, was uns unter diesen Umständen ihre Arbeit finanziell wert sein muss. Wir haben im BayKiBiG einen Finanzierungsmechanismus verankert, der den Finanzierungsanteil des Freistaates automatisch an Tarifsteigerungen anpasst. Das ist ein Stück Finanzierungssicherheit, die unmittelbar bayerischen Kommunen, mittelbar aber auch dem beschäftigten Fachpersonal zu Gute kommt.
Offener Dialog zum Fachkräftemangel
Ich möchte darüber hinaus in einem breiten Dialog u. a. mit den Kommunen, mit den Trägerverbänden und den Betroffenen ausloten, durch welche Maßnahmen wir den Beruf der Erzieherin darüber hinaus attraktiver machen können.
Hier muss es uns konkret um
- Ausbildungsinhalte,
- Ausbildungsdauer,
- die Frage der Akademisierung,
- das Verhältnis von Fachkräften zu Ergänzungskräften und letztlich natürlich auch
- um die Bezahlung des pädagogischen Personals
gehen.
Auch Kinderpflegerinnen brauchen eine Zukunftsperspektive. Sie sollen sich zukünftig berufsbegleitend zu Fachkräften in Kindertageseinrichtungen weiterbilden können.
Intensivierung der Fortbildung
Ich möchte die Fortbildung des pädagogischen Personals stärker auf Teamfortbildungen ausrichten. Damit fördern wir kurze Wege und können auf Besonderheiten vor Ort eingehen. Inhaltlich wird entsprechend der neuen Herausforderungen die Pädagogik der Kinder unter drei Jahren im Mittelpunkt stehen.
Wir brauchen mehr Forschung und Wissen im Bereich der frühkindlichen Bildung. Mit einer Analyse der Fortbildungslandschaft werden wir prüfen, ob z.B. eine zentrale Fortbildungsakademie zu entscheidenden Qualitätsverbesserungen führen kann. Wir brauchen mehr wissenschaftlichen Nachwuchs, mehr Diplomarbeiten, mehr Doktorarbeiten und Habilitationsschriften. Hier sind Stifter für eine Stiftungsprofessur willkommen!
Qualifizierung der Tagespflegepersonen
Tagespflege ist ein wichtiger Baustein in der Kinderbetreuungslandschaft, gerade wegen ihrer Flexibilität und Familienähnlichkeit hat sie besondere Stärken. Um diese Stärken zur Geltung zu bringen, will ich die Qualifizierung der Tagespflegepersonen sukzessive verbessern. Ich halte eine Qualifikation im Umfang von mindestens 160 Stunden für dringend
erforderlich. Ich unterstütze daher das hierzu vom Bund initiierte Aktionsprogramm. Die Attraktivität der Tagespflege hängt von einem attraktiven Entgelt ab. Zuständig sind hierfür die Träger der öffentlichen Jugendhilfe. Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Elternbeitrag massiv gesenkt wird, damit Tagespflege im Vergleich zu institutionellen Angeboten konkurrenzfähig wird.
Kindertageseinrichtungen sind familienergänzende Angebote
Trotz der gewachsenen Bildungsakzentuierung sind und bleiben Kindertageseinrichtungen ein familienergänzendes Angebot. Es wird heute sehr viel über das „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung" gesprochen. Wir sollten uns hüten, diese Begrifflichkeit wörtlich zu nehmen. Gute Kinderbetreuung kann die Entwicklung eines Kindes positiv anregend begleiten und negative Momente abfedern oder kompensieren. Sie kann Familie nicht ersetzen!
Raum für Familien - Chancen für Kinder: Bildungsort Familien stärken
So gut Eltern es heute machen wollen, so verunsichert sind sie oftmals. Daher ist es unsere Aufgabe, Erziehungskompetenz von Anfang an zu fördern. Starke Eltern haben starke Kinder.
Flächendeckendes Angebot an Ehe-, Familien- und Erziehungsberatungsstellen
Dort, wo Eltern konkrete Hilfe in Erziehungs- und Partnerschaftsfragen brauchen, steht ein flächendeckendes und hochqualifiziertes Angebot an Ehe- und Familienberatungs- sowie Erziehungsberatungsstellen zur Verfügung. Ich freue mich, dass wir dank des Engagements des Bayerischen Landtags heuer die Mittel für die Ehe- und Familienberatung um ½ Mio. € aufstocken konnten. Die Beratungsstrukturen wollen wir noch besser auf die Bedürfnisse der Familien ausrichten. Insbesondere die Vernetzung und Niedrigschwelligkeit der Erziehungsberatung sollen in den nächsten Jahren verstärkt werden.
Damit wir junge Eltern möglichst früh erreichen, haben wir mit dem Programm „MAJA - Hebammen helfen Eltern" bereits 450 Hebammen in Bayern sozialpädagogisch fortgebildet. Sie begleiten Familien in den ersten Wochen nach der Geburt kompetent und vermitteln bei Bedarf notwendige Hilfen.
Für Eltern mit Schreibabys werden wir bis 2010 ein flächendeckendes, wohnortnahes, fachlich hochqualifiziertes Beratungsangebot ergänzend zu den bestehenden medizinischen Hilfen aufbauen. 30 von 50 Standorten haben die Arbeit bereits aufgenommen.
Kinderschutz
Beim Kinderschutz muss vor allem die erste Entwicklungsphase ab der Geburt in den Blick genommen werden. Denn sie ist von prägender Bedeutung für das gesamte Leben.
Mit Koordinierenden Kinderschutzstellen (kurz: „Kokis") wollen wir Familien in belasteten Lebenssituationen noch früher erreichen. Ab Juli 2009 werden wir die bayerischen Kommunen bei der Etablierung dieser sozialen Frühwarn- und Fördersysteme fachlich und finanziell unterstützen. Es darf kein Signal verloren gehen. Durch die Bündelung der vor Ort vorhandenen Kompetenzen wollen wir belastete Eltern frühzeitig in ihren Erziehungskompetenzen stärken und Kindeswohlgefährdungen erst gar nicht entstehen lassen.
Chancengerechtigkeit - Mittagessen an Schulen
Die soziale Herkunft junger Menschen darf Bildungschancen nicht beeinträchtigen. Es darf nicht sein, dass Kinder Bildungsangebote am Nachmittag nicht wahrnehmen, weil ihre Eltern das Schulmittagessen nicht bezahlen können. Mit unserem Programm zur Förderung des Mittagessens für bedürftige Schüler hat sich der Freistaat gemeinsam mit den Kommunen dieser wichtigen Verantwortung gestellt.
Um sozial benachteiligte Jugendliche gezielt zu fördern, haben wir in Bayern auch mit der Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) und der Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit (AJS) erfolgreiche Wege eingeschlagen.
Chancengerechtigkeit - Jugendsozialarbeit an Schulen
JaS, die intensive Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule leistet frühzeitige Unterstützung benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Bayern unterstützt die Landkreise und kreisfreien Städte bei dieser kommunalen Aufgabe. Gemeinsam mit den Kommunen will ich dieses Förderprogramm ausbauen und weiterentwickeln, etwa durch die Einbeziehung der Grundschulen.
Chancengerechtigkeit - Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit
Das Bemühen um Chancengerechtigkeit kennt keine Altersgrenze! Jugendwerkstätten bieten am Übergang von der Schule in die Arbeitswelt jungen Menschen einen realistischen betrieblichen Rahmen und die Chance, Schlüsselqualifikationen zu erlernen und schulische Rückstände aufzuholen.
Die bayerischen Strukturen bei JaS und der AJS sind auch im Bundesvergleich einzigartig.
Umsetzung der familienpolitischen Ziele
Ihnen und mir ist klar, dass die meisten Ziele, die ich Ihnen vorgestellt habe, Geld kosten. Viel Geld. Ihnen und mir ist auch klar, dass bei der gegenwärtigen Haushaltslage die erforderlichen Mittel nicht auf einmal aufgebracht werden können. Aber es ist gerade wenn es um unsere Kinder geht wichtig, in einem Gesamtentwurf die Herausforderungen und Ziele zu identifizieren und den Weg aufzuzeigen, den wir gehen wollen.
Wir werden die Ziele sukzessive, aber beharrlich verfolgen mit dem Wissen, dass Schulden einen Wechsel auf die Zukunft unserer Kinder bedeuten. Zu einer kinder- und enkelgerechten Politik gehört auch eine solide Finanzpolitik.
Schluss
Schluss Die Familie von heute ist vielfältiger denn je, aber sie ist heute auch unverzichtbarer denn je. Unverzichtbar in der Erziehung, Bildung und Pflege, unverzichtbar im Vorleben von Werten, unverzichtbar in der Übernahme von Verantwortung füreinander. Unverzichtbar für die Zukunft und Lebenschancen von Kindern.
Familie ist der Kristallisationspunkt unserer Gesellschaft, in dem sich Lebensschule, soziale Kernerfahrung, Herz- und Charakterbildung und in hohem Maße auch Bildungschancen formen und entwickeln.
Kinder sind, um zum Ende noch einmal die Bayerische Verfassung zu zitieren, unser „köstlichstes Gut" (Art. 125 BV). Die Chancen, die dieses Land seinen Kindern bietet, sind groß. Wir wollen alles daransetzen, um Kindern und Eltern in Bayern vom ersten Tag an die Rahmenbedingungen und die Unterstützung anzubieten, die sie brauchen, damit jedes Kind sein Potential ausschöpfen kann. Wir werden dabei umso erfolgreicher sein, je mehr es uns gelingt, Familien den notwendigen Raum zu geben, sie in die Mitte der Gesellschaft zu nehmen und miteinander alles zu tun, damit optimale Lebenschancen für Kinder entstehen.
