Rede

60 Jahre Charta der Heimatvertriebenen

Datum der Rede: 29.07.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst Seehofer

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.

- Anrede -

Die Charta der Heimatvertriebenen wird in diesen Tagen 60 Jahre alt. Die CSU-Fraktion hat dieses Jubiläum mit einer eindrucksvollen Veranstaltung und mit einem Empfang im Landtag am 22. Juni 2010 gewürdigt. Frau Steinbach, die Bundesvorsitzende des BdV, die ich hier in diesem Raum vor knapp einem Jahr mit dem Bayerischen Verdienstorden auszeichnen durfte, hat die Festrede gehalten. Viele von Ihnen waren sicher anwesend.

Auch der Bayerische Ministerpräsident, auch die Staatsregierung, das Schirmland der Sudetendeutschen und das Patenland der Ostpreußen wollen dieses Jubiläum würdigen. Wir tun dies in der intimeren Form dieses Abendessens, bei dem mehr Gelegenheit zum Gedankenaustausch besteht als im Rahmen eines Festaktes.

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, meine Damen und Herren, ist ein politisches und historisches Dokument der Nachkriegszeit, das zu Recht immer wieder gewürdigt wird. Zur rechten Würdigung gehört ein Blick in die Zeitumstände, um die visionäre und ideengeschichtliche Kraft der Charta würdigen zu können.

Flucht und Vertreibung lagen erst 3, 4 oder 5 Jahre zurück. Die meisten Heimatvertriebenen lebten noch mittellos in Lagern. Verwandtschaften und Gemeinschaften waren zerrissen. Über 2 Mio. Tote waren zu beklagen und zu betrauern. Der Eiserne Vorhang senkte sich mitten durch Europa und mitten durch Deutschland hernieder.

In dieser Situation sandten die Heimatvertriebenen vier Botschaften aus.

  1. Die Heimatvertriebenen wollen Verständigung und ein gutes Miteinander in Europa.
  2. Die Heimatvertriebenen bekunden ihren Willen zur Integration durch tatkräftige Aufbauarbeit.
  3. Die Heimatvertriebenen streben ein Europa an, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.
  4. Die Heimatvertriebenen kämpfen für die Anerkennung des Rechts auf die Heimat.

Das waren vor 60 Jahren Hoffnungen, Zukunftsperspektiven. Viel davon ist in Erfüllung gegangen – auch durch das tatkräftige Mitwirken der Heimatvertriebenen.

Als Ministerpräsident spreche ich für meine Heimat Bayern, die Sie als Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler bereichert haben. Woher Sie auch immer in den vergangenen 65 Jahren gekommen sind, Sie haben Bayern vorangebracht, haben mit Leistungswillen, mit Ideen, mit Schaffenskraft zusammen mit den Einheimischen unsere Heimat an die Spitze in Deutschland geführt. Frau Leneis von den Sudetendeutschen, die ich heute mit dem Bayerischen Verdienstorden auszeichnen konnte, ist ein Beispiel dafür.

Ich brauche hier die Spitzenstellung Bayerns in den verschiedenen Bereichen nicht aufzuführen. Ich möchte nur eins festhalten: Wir vergessen die Leistungen der Heimatvertriebenen und Aussiedler nicht. Als Bayerischer Ministerpräsident kann ich auch sagen: Es gibt kein anderes Land in Deutschland, das in den vergangenen 60 Jahren seit der Unterzeichnung der Charta ein derart dauerhafter Partner der Vertriebenen war. Sie werden sich auch in Zukunft auf die Bayerische Staatsregierung verlassen können.

Vor uns liegen noch große Aufgaben. Dazu gehört die Bewahrung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen in Deutschland und in Bayern.

Mit der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist endlich der Anfang gemacht, um für die Heimatvertriebenen eine würdige Stätte der Erinnerung, eine würdige Stätte der Mahnung gegen Vertreibungen und eine Stätte der Information gerade auch für die Jugend zu errichten. Bayern hat das Projekt von Frau Steinbach von Anfang an unterstützt. Und ich freue mich, dass in den neuen, erweiterten Stiftungsrat allein fünf Vertreter aus Bayern gewählt wurden.

Zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen in Bayern gehört vor allem auch das Projekt des Sudetendeutschen Museums. Dem 4. Stamm gegenüber stehen wir in einem besonderen Obhutsverhältnis. Und das Haus des Deutschen Ostens, das heuer den 40. Geburtstag feiert, ist die Bildungs- und Begegnungsstätte für alle Heimatvertriebenen.

Die Vertreibung der Deutschen war und bleibt Unrecht, sie war ein Verstoß gegen die Würde des Menschen. Deshalb bleibt auch 65 Jahre nach Kriegsende die Herausforderung, im Dialog mit den östlichen Nachbarstaaten gemeinsame Formen der Erinnerung und gemeinsame Gesten der Heilung zu finden. Dies ist eine schwierige Aufgabe. Aber vor schwierigen Aufgaben haben sich die Bayern noch nie gedrückt.

Zu diesem Dialog gehört auch, dass ich bei meinen Reisen in die östlichen Nachbarstaaten die jeweilige Vertretung der Landsmannschaft mitnehme. Herr Vorsitzende Knauer hat dazu den Anstoß gegeben. Mit Herrn Dr. Fabritius habe ich den Anfang in Rumänien gemacht. Ich habe mich dort auch mit der deutschen Minderheit getroffen.

Beim Landestreffen der Rußlanddeutschen in Augsburg habe ich angekündigt, dass ich bei meiner nächsten Reise nach Moskau bzw. Rußland Herrn Fetsch und Herrn Neuberger mitnehmen werde.

Und wenn ich nach Prag reise, werden mich selbstverständlich die beiden Spitzen der Sudetendeutschen Volksgruppe begleiten, Herr Posselt und Herr Pany.

Und ich werde mich auch immer, wenn es die Zeit erlaubt, mit der deutschen Minderheit in den jeweiligen Ländern treffen. Ich denke, die deutsche Minderheit in diesen Ländern braucht immer wieder politische Unterstützung aus Deutschland.

In meiner Regierungserklärung habe ich, sehr bewusst von mir gesetzt, als ersten Punkt genannt: „Den Zusammenhalt stärken.“ Für den Zusammenhalt in Bayern haben die Heimatvertriebenen und Aussiedler viel geleistet. Sie haben sich, bei allen Schwierigkeiten am Anfang, hervorragend in die bayerische Gesellschaft integriert. Sie haben Bayern tatkräftig mit aufgebaut, ausgebaut und gestaltet.

Dafür gilt es immer wieder Respekt und Dank zu sagen. Denn die Stärke Bayerns beruht nicht allein auf der Spitzenstellung in vielen wirtschaftlichen und technologischen Bereichen, sie beruht auch auf der großen „kulturellen“ Identität der Menschen in Bayern und ihrer Verbundenheit mit Bayern. 95% der Menschen leben gern in Bayern, wie die jüngste Umfrage des Bayerischen Fernsehens gezeigt hat.

Der ehemalige Chefredakteur von Cicero, jetzt von Focus, Wolfram Weimer, hat einmal geschrieben: „Je schneller sich das Globalisierungskarussell dreht, desto mehr erweist sich der gefestigte kulturelle Unterbau einer Region oder Gesellschaft als Kraftquell und Halt….. Eine Gesellschaft, die umgekehrt um ihren kulturellen Boden nicht weiß, kann nirgendwo zum Sprung ansetzen.“

Bayern weiß um seinen kulturellen Boden, Bayern weiß auch, dass dieser kulturelle Boden durch die Heimatvertriebenen und Aussiedler neu gedüngt und kultiviert wurde. Auch deswegen konnte und kann Bayern immer wieder zum Sprung ansetzen.

Nochmals herzlichen Dank den Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern in Bayern. Auf weiterhin gute Zusammenarbeit.