Rede

Bayreuther Festspiele

Datum der Rede: 25.07.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst Seehofer

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort

- Anrede -

„An manchen Stellen sind mir die Tränen gekommen. Der Hof und die weimarische Intelligenz sind voller Sympathie und Bewunderung“ – schrieb Franz Liszt vollkommen berauscht nach der Uraufführung des „Lohengrin“ am 28. August 1850. Ihm hatte Richard Wagner während seines Exils Partitur samt Text anvertraut, um sie am Weimarer Hoftheater aufführen zu lassen.

160 Jahre nach dieser sagenumwobenen Premiere steht zweifellos fest: Der „Lohengrin“ lässt niemanden kalt! Die traurigste unter den Wagner-Opern geht einfach jedem unter die Haut – und nicht nur, weil das Schicksal des Schwanenritters und seiner allzu menschlichen Gemahlin in seiner Radikalität tief berührt. „Klangätherische Phantasmagorien“ weben Zauber, die nachhallen, die jeden Schlussvorhang überdauern.

Wir alle verstehen, wenn Thomas Mann schon im Vorspiel das Wunder einer „blau-silbernen Schönheit“ erblickte. Und wir alle verstehen, dass für Franz Liszt das ganze Werk ein „einziges, unteilbares Wunder“ war.

Für dieses wirklich außergewöhnliche Erlebnis danke ich allen, die künstlerisch wie organisatorisch zum Gelingen der diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele beitragen – den Sängerinnen und Sängern, dem Festspielchor und seinem Chorleiter, dem Orchester und auch allen, die im Hintergrund wirken.

Mein besonderer Dank gilt dem Dirigenten Andris Nelsons und ebenso Hans Neuenfels, der sich der Herausforderung einer Neuinszenierung dieses bewegenden Musikdramas gestellt hat!

Allen voran möchte ich heute Abend den beiden Spielleiterinnen, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, meine aufrichtige Sympathie und Bewunderung aussprechen! Sie und Ihr ganzes Ensemble haben uns heute einen wirklich spektakulären Auftakt zu den diesjährigen Richard-Wagner-Festspielen geboten!

Dieses Jahr ist das erste ohne Wolfgang Wagner. Der Tod dieses großen Mannes vor wenigen Monaten hat uns alle tief bewegt. Doch ich bin mir sicher: Wolfgang Wagner hätte sich selbst kein würdigeres „in memoriam“ wünschen können als diese gelungene Fortsetzung seines vorväterlich ererbten Lebenswerks.

So ist heute, in der 99. Festspielsaison, der Grüne Hügel noch immer das Unikat, von dem Wolfgang Wagner sprach und von dem sein Schöpfer Richard Wagner bereits 1850 träumte.

„…von Brett und Balken ein rohes Theater nach meinem Plane…“, so hatte Richard Wagner einst sein revolutionäres Festspielkonzept beschrieben. Ein Festspielhaus für alle sollte es sein, umsonst und auf der grünen Wiese, das nach drei Vorstellungen wieder abgerissen werden sollte und die Partituren verbrannt. Denn Richard Wagner wollte sein Publikum nicht nur die alltäglichen Sorgen vergessen machen. Er wollte durch seine Kunst ein „Licht entzündet“ sehen, in welchem der Festspielbesucher „Dinge gewahrt, von denen er zuvor keine Ahnung hatte“. Um es kurz zu sagen: In Bayreuth sollte man schon immer das Außerordentliche erleben!

Und das kann man wirklich: Bis heute bekommen wir, wie in der FAZ dieser Tage zu lesen war, ganz nach Wagners Willen, „außerordentliche Kunst als Ergebnis von außerordentlichen Umständen, Begabungen und Anstrengungen“ zu sehen und zu hören. Hinzu kommt: Bis heute finden die Aufführungen in Richard Wagners Originaltheater statt und unter der Intendanz leibhaftiger Nachfahren!

Und das ist es, was die Bayreuther Festspiele zum Mythos macht, zum „nicht wiederholbaren“ Wunder! Darum kommen jährlich Wagner-Enthusiasten aus aller Welt nach Bayreuth, darum werden pro Saison ca. 50.000 Plätze verkauft und darum wartet mancher Wagner-Liebhaber bis zu einer Dekade auf eine Karte! Auch wenn Wagner-Opern längst die Bühnen dieser Welt erobert haben, so bleibt es doch unvergleichlich, Wagners magische Wirkung gleichsam an ihrer Urstätte zu erleben.

Darauf sind wir in Bayern stolz - und zwar auch außerordentlich! Die Bayreuther Festspiele sind die künstlerischen Kronjuwelen Bayerns! Und das nicht erst seit gestern: Der „Lohengrin“ verzückte den bayerischen König Ludwig II. so sehr, dass er Wagner an den Münchner Hof holte. Und das war, wie wir heute alle wissen, für Bayerns Kulturleben ein durchaus folgenreiches Ereignis! Denn Richard Wagner gelang die Umsetzung seines Festspielvorhabens am Ende vor allem durch eine wahrhaft fürstliche Finanzspritze des Märchenkönigs.

Hier schließt nicht nur der wundersame Ring der Geschichte. Nach so vielen außergewöhnlichen Erschütterungen und tief empfundenen Leidenschaften darf ich nun einen Kontrapunkt setzen. Zum gewohnt heiteren Nachspiel, d.h. zum Staatsempfang lade ich Sie alle herzlich ein! Ich wünsche Ihnen ungeahnt anregende Gespräche und einen wunderbar unbeschwerten Ausklang dieser großartigen Opernnacht!