Rede

200 Jahre Zugehörigkeit Erlangen zu Bayern

Datum der Rede: 16.07.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst Seehofer

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort

- Anrede -

Der Anfang war nicht einfach. Innerhalb eines guten Jahrzehnts fielen die meisten Territorien des alten Fränkischen Reichskreises an das noch junge und von Montgelas rigoros modernisierte Königreich Bayern. Mit sehr gemischten Gefühlen blickte man daher in Franken auf das neue bayerische Regiment:

So trauerten die aufgeklärten Ansbacher den Reformen ihrer preußischen Herrschaft nach und befürchteten 1806 eher einen Rückschritt durch das katholische Bayern.

Im Würzburgischen hingegen hatte gerade der Rationalismus der bayerischen Bürokratie bereits 1803 tiefe Wunden in die fromme fränkische Volksseele geschlagen: Ganze Wallfahrten widmeten sich dort der Bitte, Gott möge für die „Fortschaffung der bayerischen Regierung“ sorgen!

Und Erlangen? Den Erlangern wiederum erschien die weiß-blaue Zukunft geradezu rosig. 1806 war Erlangen unter französische Herrschaft geraten. Als „pays reservé“, als Verhandlungsmasse von den Franzosen verwaltet, bedeutete für Erlangen die Zeit unter der Trikolore eine Phase des wirtschaftlichen Niedergangs. Als am 4. Juli 1810 allerorts bayerische „Besitzergreifungspatente“ angeschlagen wurden, war Erlangen darum einfach erleichtert!

200 Jahre nach diesen politischen und territorialen Umwälzungen in der Mitte Europas, aus denen das moderne Bayern hervorging, kann ich als Bayerischer Ministerpräsident nur einmal mehr betonen: In der bayerischen Geschichte ist es ein ausgesprochener Glücksfall, dass das ehemalige Fürstentum Bayreuth und mit ihm die Stadt Erlangen zum neu begründeten Königreich kam! Gerne bin ich daher heute Ihrer Einladung, sehr verehrter Oberbürgermeister Dr. Balleis, gefolgt, um mit Ihnen allen gemeinsam dieses historisch bedeutsame Datum zu würdigen.

Denn die fränkischen Territorien mit ihren Geistes- und Technologiezentren wie Erlangen haben Bayern ungemein bereichert, ergänzt und gestärkt. In Bayern sind wir stolz auf unsere Franken! Wie ich schon vor wenigen Tagen auf dem „Tag der Franken“ in Kulmbach gesagt habe: Die Franken waren und sind Bayerns Motor auf dem Weg in die Zukunft. Die Franken haben einen wesentlichen Anteil daran, dass Bayern heute ist, was es ist: ein starkes, kreatives und zukunftsorientiertes Land, das seine Stärke aus der Vielfalt seiner Regionen schöpft!

Und gerade Erlangen mit seiner großen Geschichte und seiner großen Zukunft ist dafür ein besonders gutes Beispiel!

Dieser Tage [9. Juli 2010] feierten Sie ja gerade erst die erste urkundliche Erwähnung Ihrer schönen und traditionsreichen Stadt: Als „villa erlangon“ ist Erlangen schon im Jahr 1002 in einer Urkunde Kaiser Heinrichs II. vermerkt! Dazu sage ich allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Erlangen und vor allen Ihnen, sehr geehrter Oberbürgermeister Dr. Balleis, herzlichen Glückwunsch - nicht viele Orte in Bayern können auf ein ganzes Jahrtausend so bewegter und bewegender Stadtgeschichte zurückschauen.

Am Werden und Wachsen Ihrer Stadt waren viele beteiligt - allen voran natürlich über Jahrhunderte hinweg die Markgrafen, deren Baumeister das barocke Stadtbild prägten. Es ist auch der Toleranz und dem Weitblick eines Markgrafen zu verdanken, dass sich ab 1686 französische Hugenotten in Erlangen ansiedelten. Mit diesen Religionsflüchtlingen kamen moderne Wirtschaftszweige und Produktionsmethoden, die neuen Schwung und französisches Flair in die Stadt brachten. Und auch einem Markgrafen ist es geschuldet, dass Erlangen schon 1743 eine Universität bekam. Diese ist bis heute bester Garant für „viel Bewegung“, wie schon um 1806 der damalige französische Provinzgouverneur, Baron Camille de Tournon, befand.

Bei aller kultureller Nähe zu Frankreich – als Herrscher wollten sie die Erlanger nicht. Da waren ihnen die Wittelsbacher schon lieber. Und die bayerischen Könige enttäuschten die hoffnungsfrohen Erlanger nicht: Unter den Wittelsbachern wurde die Universität erheblich ausgebaut – und zwar nicht nur die theologische Fakultät, die im nun bikonfessionellen Bayern eine tragende Rolle spielte. Mitte des 19. Jahrhunderts führte die von König Max II. betriebene Umstrukturierung auch Medizin und Naturwissenschaften in die Höhe. Dazu brachten der Anschluss an die Eisenbahn und der 1842 fertiggestellte Ludwig-Donau-Main-Kanal der Stadt wirtschaftlichen Aufschwung.

Nach dem zweiten Weltkrieg kamen aus Berlin die Siemensianer, die im Verein mit den Vertriebenen aus dem Sudetenland und den anderen deutschen Ostgebieten sowie der US-Armee der Stadtentwicklung weitere zukunftsorientierte Impulse gaben.

Was lehrt uns dieser Blick in die Vergangenheit? Erlangen war immer offen für Neues. Das war Grundlage des Erfolgs und das ist auch heute noch so. Erlangen ist heute ein blühender Wirtschaftsraum und ein erfolgreicher Wissenschaftsstandort. Nach der letzten Prognos-Studie belegt Erlangen sogar den 4. Platz unter den Top-Zukunftsstandorten in Deutschland.

Denn in der gesündesten Stadt Bayerns lebt man nicht nur gesund. Hier ist auch jeder Vierte im Bereich Medizin und Gesundheit beschäftigt. Rückgrat des fränkischen „Medical Valley“ ist der in Erlangen angesiedelte Siemens-Bereich Medizintechnik (Medical Solutions/Med), weltweit einer der größten Anbieter im Gesundheitswesen. Zudem gilt Erlangen nachweislich als optimaler Stützpunkt für Start-up-Firmen im Bereich Medizintechnik, Pharma und Biotechnologie.

Erlangen ist erfolgreicher Hochschulstandort von internationalem Rang. Aus der Exzellenzinitiative des Bundes ist die Universität Erlangen-Nürnberg mit großem Erfolg hervorgegangen: 2006 erhielt die zweitgrößte Universität Bayerns mit rund 26.000 Studierenden den Zuschlag für die Förderung der Erlangen Graduate School in Advanced Optical Technologies. 2007 wurde auch der Forschungsschwerpunkt „Engineering of Advanced Materials and Processes“ genehmigt.

In Erlangen wird die Technik von morgen schon heute entwickelt: Die Metropolregion Erlangen/Fürth/Nürnberg gehört mit zwei dort angesiedelten Fraunhofer-Instituten zu den wichtigsten Standorten außeruniversitärer Forschungseinrichtungen im Bereich Mikroelektronik und IuK in Bayern. Mit der Entwicklung des MP3-Players wurde das Institutszentrum Erlangen sogar weltbekannt!

Überhaupt hat sich diese Metropolregion in den letzten Jahren zu einem Kraftzentrum Bayerns entwickelt – trotz des Strukturwandels: Von einem überwiegend industriellen Produktionsstandort ist diese Region nun auf einem guten Weg hin zu einem zukunftsträchtigen Branchenmix aus Dienstleistung, Handel, Verkehr und Industrie.

Erlangen ist auch ein Vorbild für Integration! Nach dem Modellversuch „Islamunterricht“ an Schulen, verstärkt die Stadt Erlangen nun ihre Bemühungen, um den Aufbau eines Zentrums für islamische Studien an der Universität Erlangen-Nürnberg voranzutreiben. Für dieses vorbildliche soziokulturelle Engagement spreche ich allen Beteiligten und Ihnen, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Anerkennung aus.

Ob barocke Planstadt oder Hugenottenstadt, ob Universiäts- oder Siemensstadt, ob Ökostadt oder Medizin- und Gesundheitsstadt – Erlangen ist in all seinen Facetten eine lebens- und liebenswerte Stadt, die große Erfolge vorzuweisen hat.

Und diese Erfolgsgeschichte Erlangens möchten wir fortschreiben: Die Bayerische Staatsregierung unterstützt in vielfältiger Weise den gesamten Regierungsbezirk Mittelfranken und insbesondere die Stadt Erlangen als eine unserer innovativsten Zukunftsregionen. Denn trotz knapper Kassen geben wir neue Impulse für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Wir in Bayern setzen auf Innovation und Forschung.

Um unsere „Bundeshauptstadt der Medizintechnik“ Erlangen weiter voranzubringen, haben wir daher nicht nur in die Errichtung eines Forschungsgebäudes am Klinikum Erlangen rund 17 Mio. € investiert. Wir wollen auch Existenzgründern mit innovativen Ideen einen idealen Rahmen bieten! Darum hat der Freistaat Bayern den Aufbau des Innovations- und Gründerzentrums der Region Nürnberg-Fürth-Erlangen (IGZ) gefördert und die Gründung des Innovationszentrums Medizintechnik und Pharma (IZMP) mit fast 12,5 Mio. € unterstützt.

Die Bayerische Staatsregierung wendet erhebliche Mittel für den Ausbau der Hochschullandschaft in ganz Mittelfranken auf. Hervorzuheben ist der Neubau des Chemikums an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zudem werden im Rahmen des Hochschulausbauprogramms an der FAU Erlangen-Nürnberg mehr als 4.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen und für große Baumaßnahmen 38,5 Mio. € investiert.

Mit der Gründung des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts in Erlangen 2009 konnte erstmals in Bayern ein Max-Planck-Institut außerhalb des Großraums München gegründet werden. Neben diesem Leuchtturmprojekt werden wir auch die Gründung von zwei weiteren Fraunhofer-Instituten in Nürnberg und Fürth mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Mio. € realsieren.

Wir in Bayern wissen: Die Insolvenz von Quelle war in der betroffenen Region Nürnberg-Fürth für die Arbeitnehmer und ihre Familien ein schwerer Schlag. Deshalb haben wir für die Region ein kraftvolles Modernisierungs- und Strukturprogramm von weit über 105 Mio. € aufgelegt.

Und das beweist einmal mehr: Wir Bayern halten zusammen! Die unterschiedlichen Stärken der Franken, der Altbayern, der Schwaben und der nach dem Zweiten Weltkrieg hinzugekommenen Sudetendeutschen haben Bayern groß gemacht! Durch ihr Zusammenwirken und ihren Zusammenhalt hat Bayern Erfolgsgeschichte geschrieben! Auch das gilt es heute zu feiern!

95 % der Menschen leben gern in Bayern. Die Menschen, ob in Altbayern, Schwaben oder Franken, sie fühlen sich hier wohl. Bayern ist Heimat. Es sind die Menschen, die Bayern zur Heimat machen. Wir dürfen stolz sein auf das, was unsere Vorfahren und was unsere Generation aus Bayern gemacht haben. Bayern ist heute in vielen Bereichen Spitze. Das sieht man gerade hier in Erlangen.

Wir blicken heute auf 200 Jahre gemeinsame Geschichte zurück. Ich wage zu behaupten: Das waren summa summarum 200 gute Jahre für Bayern und für die Stadt Erlangen!

Nicht zuletzt zeigt ja dieser Gedenkstein, vor dem wir heute feiern, dass die Erlanger das genauso sehen: Denn dieser Gedenkstein wurde ja schon 1910 von einem Erlanger Bürger gestiftet! Unter großem Jubel der Bevölkerung war damals Prinz Ludwig III. zum 100-jährigen Jubiläum der „Bayerisch-Werdung“ Erlangens erschienen. Und auch das beweist: Gegenseitige Sympathie und Respekt gab es von Anfang an auf beiden Seiten.

Erlangen und Bayern - das ist eine Verbindung mit reicher Vergangenheit und mit großer Zukunft! Lassen Sie uns alle darauf mit einem kühlen Krug des berühmten Erlanger Biers anstoßen!

 
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