Rede

Einweihung des Theologicums der LMU München

Datum der Rede: 12.07.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst Seehofer

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort

- Anrede -

I. BEGRÜSSUNG

Die Begeisterung für den Fußball hat in den letzten Wochen den gesamten Globus in seinen Bann gezogen – auch meine Person. Für uns Deutsche ist das Sommermärchen 2010 leider nicht Wirklichkeit geworden.

Dafür wird an der LMU heute ein anderes Sommermärchen wahr: die Einweihung des neuen Theologicums.

Auch wenn zwischen dem Fußballkult und dem christlichen Glauben „metaphysische“ Welten liegen. Für einen Laien wie mich gibt es doch auffallende Gemeinsamkeiten:

  • Beide begeistern und bewegen Menschen, ich erinnere nur an das Münchner Highlight, den Ökumenischen Kirchentag.
  • Beide überzeugen als Botschafter für Toleranz und interkulturellen Dialog.
  • Beide schöpfen ihren Erfolg aus Zusammenhalt, Ausdauer und Zuversicht.

Auch die Katholisch-Theologische und die Evangelisch-Theologische Fakultät der LMU haben in den letzten Jahren Ausdauer und Zuversicht gezeigt. Beide haben geduldig auf das Ende der Baumaßnahme „Theologicum“ gewartet.

Heute nun ist die Ära des „Baustellenbotens“ definitiv Geschichte.

Verehrte Mitglieder der evangelischen Fachschaft, Sie müssen sich nun einen neuen Titel für Ihr Vorlesungsverzeichnis suchen.

Ich danke allen, die das „Theologicum“ mit Engagement und Tatkraft realisiert haben.

Vergelt`s Gott! Sie haben ein Juwel geschaffen!

II. THEOLOGICUM – SIGNAL FÜR EINE LEBENDIGE ÖKUMENE IN BAYERN

Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt:

„Drei Dinge sind an einem Gebäude zu beachten: dass es am rechten Fleck stehe, dass es wohlgegründet und dass es vollkommen ausgeführt sei.“

Das Theologicum erfüllt alle diese Kriterien:

Erstens: Das Theologicum steht im Adalbertstrakt der LMU, der Herzkammer des Universitätshauptgebäudes, und damit am „rechten Fleck“- im Herzen der Landeshauptstadt München.

Zweitens: Das Theologicum ist „wohlgegründet“ als offener Tempel der Forschung, der Lehre und des religiösen Dialogs. Es ist ein Signal für wissenschaftliche Zusammenarbeit im Zeichen der Ökumene – auch mit der orthodoxen Theologie.

Und drittens: Das Theologicum wird seine theologische und gesellschaftliche Mission als wissenschaftliche Zukunftswerkstatt „vollkommen“ erfüllen, weil es viele Verbündete und Freunde hat.

Dazu gehört auch der Freistaat Bayern:

Wir haben die Umbaumaßnahmen im Adalberttrakt mit 6,4 Mio € aus dem Programm „Zukunft Bayern 2020“ ermöglicht.

Am Anfang der Universitäten stand die Theologie. Sie ist die erste der vier klassischen Fakultäten. Wenn auch die Universitäten heute vielfach aufgefächert sind und die klassische Fakultätsstruktur oft nicht mehr erkennbar ist – die Theologie ist erkennbar geblieben und wird mit dem Theologicum auch klar sichtbar sein. Und das ist gut so.

Selbstverständlich ist es die erste Aufgabe des Theologicums und der hier Lehrenden, gute Theologen auszubilden, ob Priester oder Laien. Aber Religion will wirken, auf den Einzelnen wie in der Gesellschaft.

III. WERTEDISKURS ZWISCHEN STAAT, KIRCHE UND GESELLSCHAFT ALS KOMPASS

Golo Mann hat einmal gesagt:

„Humanität ohne Glauben ist wie eine Blume, der die Wurzel fehlt.“

Wir wissen um unsere Wurzeln. Unser Gemeinwesen ist nicht wertneutral - trotz der Trennung von Staat und Kirche. Unsere Werte sind geprägt vom christlichen Menschenbild und von der christlich-abendländischen Tradition.

Die Theologie schafft die Architektur für dieses Wertefundament. Deshalb ist sie auch im 21. Jahrhundert eine unverzichtbare Wissenschaft.

Gerade in Zeiten der Krise und des Umbruchs, in Zeiten der Globalisierung, der Beschleunigung und des technologischen Fortschritts brauchen wir unsere Kirchen als Kompass und Korrektiv.

Existentielle Fragen unseres Menschseins – Zukunftsthemen wie soziale Gerechtigkeit, Lebensschutz, Wertewandel, Umwelt- und Klimaschutz – haben eine brisante ethische Dimension.

Hier brauchen wir einen breiten öffentlichen Zukunftsdiskurs. Und vor allem eine klare, konsequente Positionierung unserer Kirchen.

Politik muss sich in einer pluralistischen Gesellschaft oft auf Kompromisse verständigen. Aber gerade diese bedürfen der „ethischen Dignität“.

Deshalb brauchen wir Kirchen, die nicht nur auf der Zuschauertribüne sitzen, sondern auf dem Spielfeld agieren. Kirchen, die ihre breite gesellschaftliche Präsenz als Potential nutzen und sich in den aktuellen Wertediskurs einmischen.

Mit dem Theologicum haben wir einen wertvollen Resonanzraum für diesen Wertediskurs gewonnen. Ich freue mich über das Angebot an interdisziplinären Seminaren der theologischen Fakultäten. Hier werden Fragen der Sozial- und Bioethik, aber auch der politischen oder der Wirtschaftsethik fokussiert. Das zeigt:

Die Theologie stellt sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Sie hat den Menschen als Ganzes im Blick. Sie ist ein wichtiger Baumeister für eine wertorientierte, zukunftsfähige Gesellschaft.

IV. AUFBRUCH IN EINE WERTORIENTIERTE UND GUTE ZUKUNFT

Bayern ist ein christlich geprägtes Land – und das soll auch in Zukunft so bleiben!

Wir sagen JA zum Religionsunterricht an unseren Schulen. Unsere Religionslehrerinnen und –lehrer geben unser religiöses Erbe an unsere Kinder weiter. Sie lehren christliche Werte und soziale Verantwortung. Das ist ein unbezahlbarer Dienst für unsere Gesellschaft.

Wir sagen JA zum Kreuz in unseren Klassenzimmern. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist der Meinung, das Kreuz im Klassenzimmer verletze die Religionsfreiheit.

Ich sage: Das Kreuz mahnt zu Menschlichkeit und Toleranz. Es gehört zur kulturellen Identität unserer Heimat.

Wir sagen JA zu unseren theologischen Fakultäten und Instituten. Die Theologie ist unser Navigationssystem für den interreligiösen Dialog in einer globalen Welt. Eine zukunftsfähige und wertorientierte Gesellschaft braucht die Gestaltungskraft unserer christlichen Kirchen.

Und sie braucht ein sensibles Wertebewusstsein. Werteerziehung und Wertebildung sind zentrale Zukunftsaufgaben. Deshalb hat die Staatsregierung im März das „Wertebündnis Bayern“ geschmiedet. Mit rund 65 bayernweit engagierten Organisationen und Verbänden wollen wir das Wertefundament unserer Gesellschaft stärken.

„Gemeinsam stark für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.“ – unter diesem Motto wollen wir jungen Menschen Erfahrungsräume eröffnen, um Werte erleben und leben zu können.

Von den Eltern, Erziehern, Lehrkräften, Ausbildern und Professoren bis hin zu den zahlreichen Akteuren in der Jugendarbeit oder in den Kirchengemeinden wollen wir alle „Werteerzieher“ für den Aufbruch in eine wertorientierte, gute Zukunft gewinnen.

Ich freue mich, dass sich auch Vertreter der christlichen Kirchen und die bayerischen Universitäten am Wertebündnis beteiligen.

Als Ministerpräsident und als Christ bin ich dankbar für das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Staat und Kirche bei uns in Bayern. Wir in Bayern stehen zum Konkordat und zum Staatskirchenvertrag und weisen billige Polemik dagegen entschieden zurück.

Nur gemeinsam – mit den Kirchen - gelingt der Aufbruch in eine wertorientierte, gute und friedliche Zukunft.

IV. SCHLUSS

Gestern haben wir den Schlusspfiff der Fußballweltmeisterschaft erlebt.

Heute schon feiern wir den Anpfiff im neuen Theologicum der LMU.

Ich gratuliere den beiden Teams – der katholischen und der evangelischen Fakultät – zu ihrer neuen Arena.

Ich wünsche Ihnen allen zum Saisonauftakt dieser neuen Ära:

Teamgeist, Spielfreude und Gottes Segen!

 
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