Inhalt
Rede
Heinrich-Heine-Bueste
Datum der Rede: 28.07.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst SeehoferManuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.
- Anrede -
Hoch über der Donau gelegen, als bayerischer Parthenon gestaltet - ist die Walhalla schon äußerlich ein Erinnerungsort mit besonderem Nimbus. In Zeiten der politischen Zersplitterung hatte hier der bayerische König Ludwig I. seinem Glauben an die Nation einen weithin sichtbaren Ausdruck verleihen wollen.
Seit 1842 werden in diesem Ehrentempel für „alle Deutschen“, wie es Ludwig I. formulierte, „bedeutende Persönlichkeiten teutscher Zunge" mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt.
Dass heute Heinrich Heine in die Walhalla Einzug hält, ist für Bayern und ganz Deutschland fraglos ein Grund zu besonderer Freude. Als Bayerischer Ministerpräsident heiße ich Sie alle zu dieser wahrhaft bedeutsamen Feierstunde willkommen!
Mit der Aufnahme Heinrich Heines in die Walhalla erfüllen wir heute ein Desiderat, das man im Hinblick auf die Bedeutung Heines für Deutschland und die Welt nicht anders als überfällig bezeichnen kann. Freilich hatte Heine für Ludwig I. und dessen Lebensthema „Walhalla“ nicht viel übrig. Oft zitiert wurde dieser Tage Heines Vers von der „marmornen Schädelstätte“, in die der Dichter gar nicht aufgenommen werden wollte. Hier darf ich mit einem anderen großen Dichter, Heinrich Mann, erwidern: „Mag er [Heinrich Heine] kein äußeres Denkmal brauchen: wir schulden dieses Denkmal uns selbst!“
Über Heinrich Heine wurde viel gesagt und noch mehr geschrieben. „Vita et Opera“, Leben und Werk dieses Mannes ausführlich darzustellen, überlasse ich daher gerne dem berufenen Laudator, Herrn Prof. Dr. Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Vielen Dank Ihnen, sehr verehrter Prof. Dr. Borchmeyer. Mit Spannung erwarten wir schon Ihre Ausführungen. Erlauben Sie mir jedoch, zuvor in aller Kürze auszuführen, was wir in Deutschland Heinrich Heine verdanken.
Wir ehren heute den klugen wie kritischen Kopf Heine. Von nichts und niemandem hatte er sich je vereinnahmen lassen. Sein Mut zu Ärgernis und seine Mahnung, daraus Nutzen zu ziehen, ist uns immer noch Vorbild. Er wollte, Zitat, „die kranke alte Welt aus ihren Betten“ jagen. Sein Kampf gegen die Angst vor der Freiheit und die Verachtung der Vernunft bestimmt unser Denken bis heute. Denn Schweigen, das war seine Sache nicht.
„Ich bin nicht dazu geeignet, ein Kerkermeister meiner Gedanken zu sein. Bei Gott! Ich lass sie los“ – schrieb Heine einmal. Er bringt damit pointiert zum Ausdruck, was er sich als Instrument auserkoren hatte, um den Missklang seiner Zeit hörbar, erfahrbar zu machen: nichts weniger als seine Dichterexistenz.
Den Sprachvirtuosen Heinrich Heine bewunderten darum schon seine Zeitgenossen: Sie sahen in Heine den „Poeten der neuesten Zeit“ und in seinen Prosaschriften einen Aufbruch zur Moderne. Der Feuilleton ward erfunden! Heinrich Heines Lyrik gehört zu den meist übersetzten und meist vertonten. Neben den deutschen Dichterdenkmälern Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller ist Heine der bekannteste deutsche Autor überhaupt. Heinrich Heine, den großen Journalisten, den großen Sprachkünstler, den großen deutschen Dichter ehren wir heute.
Und etwas anderes hatte Heinrich Heine selbst nie sein wollen! Zwar wünschte sich Heinrich Heine ob seiner jüdischen Herkunft nichts sehnlicher als eine deutsch-jüdische Symbiose. Doch weder die Warnungen seiner Mutter, die Heine das Schicksal einer Dichterexistenz ersparen wollte, noch die politische Verfolgung durch das Vaterland haben daran etwas zu ändern vermocht. Zu Recht, sehr verehrter Herr Prof. Dr. Borchmeyer, nennen Sie Heine einen deutschen „Herzenspatrioten“!
Gleichzeitig liebte Heine die Franzosen, weshalb er einen Lebenssinn darin sah, Frankreich und Deutschland einander näher zu bringen. „Schutzpatron der deutsch-französischen Verständigung“ hat man ihn darum genannt. Und Heine dachte schon vor, was vor nun mehr 6 Jahren Wirklichkeit geworden ist: Ein freies, vereintes und friedliches Europa der Vaterländer!
Heinrich Heine ist damit „vorweggenommener Ausdruck und Typ des deutschen Europäers“, wie Heinrich Mann sagte, der „Deutschland so sehr“ ehre „wie sich selbst“!
Und darum soll Heinrich Heine heute in dieser Ruhmeshalle aller bedeutenden Geistesgrößen, die aus der Geschichte Deutschlands und des deutschsprachigen Raums herausragen, seinen würdigen Platz erhalten.
„Hier, wie nirgends sonst, begegnen sich in Liebe alle teutschen Stämme, alle Stände, Glaubensbekenntnisse, alle Zweige des Wissens und Könnens, alle Jahrhunderte“ – sagte ein Laudator beim ersten Jahrestag der Grundsteinlegung der Walhalla. Heute ist das wahrer denn je. Denn in einem nun mehr seit 20 Jahren wiedervereinten Deutschland ist Heinrich Heine, der große deutsche Dichter, endlich angekommen!
Mein besonderer Dank gilt heute all denen, die in finanzieller und ideeller Weise sich um die Aufnahme Heinrich Heines in die Walhalla verdient gemacht haben. Insbesondere danke ich Ihnen, sehr verehrter Herr Theisen, stellvertretend für den gesamten Heinrich Heine Freundeskreis Düsseldorf, der die Kosten der Büste trägt. Ich danke auch dem Künstler Bert Gerresheim, der Heine ein eindrucksvolles Gesicht gab. Sie alle haben ermöglicht, dass Heinrich Heine nun auch die Walhalla ehrt, sie gleichsam komplettiert. Vielen Dank!
„Heinrich Heine ist ein Phänomen, das als Ganzes genommen werden muss“ – ließ bereits 1957 die damalige Bundesregierung zum 100. Todestag des Dichters verlautbaren. Wir in Bayern nehmen Heinrich Heine als Ganzes, wir nehmen Heinrich Heine, wie er war: vielschichtig, widersprüchlich, polemisch, romantisch, ironisch, irritierend, groß – eben eine bedeutende Person „teutscher Zunge“.