Interview

Interview mit der Mainpost am 19.12.2009

Der Weichensteller

Ministerpräsident Horst Seehofer über Modelleisenbahnen: Der bayerische Ministerpräsident baut im Keller sein Leben im Maßstab 1:87 nach.

Vervollständigen Sie doch bitte folgenden Satz: Zugfahren bedeutet für mich . . .
Entspannung.

Tun Sie es oft? 
Jetzt nicht mehr. Aber früher als Abgeordneter bin ich oft mit dem Zug nach Bonn oder Berlin gefahren. Diese Großraumwagen sind wunderbar. Sie setzen sich rein, können arbeiten, ein Buch lesen. Und es gibt auch heute noch Strecken, auf denen man mehr sieht als Lärmschutzwälle. Wunderbare Natur, wunderschöne Landschaften. Diese Kombination der Ruhe und der Naturbetrachtung waren für mich immer entspannend.

Schrumpfen wir den Horizont ein wenig. Modellbahn ist für mich . . .
Die Nachbildung meines Lebens. Ich baue auf meiner Modellbahn mein Leben nach. Ein Krankenhaus für meine Zeit als Gesundheitsminister, einen Bauernhof für meine Zeit als Landwirtschaftsminister, den Bahnhof Bonn für meine 18 Jahre in Bonn. Und einen Bahnhof „Schwarzburg", der für den CSU-Politiker steht. Die Staatskanzlei in München passt nicht so richtig auf die Modellbahn, die habe ich noch nicht verewigt.

Wie muss man sich Ihre Eisenbahn vorstellen?
Der Raum im Keller ist vier auf fünf Meter groß. Meine Frau wollte ihn anders einrichten. Einen Modellbahnkeller können Sie aber für nichts anderes mehr nutzen. Dort steht eine Anlage in U-Form auf Holzplatten mit rundherum 50 Zentimetern Abstand zur Wand, damit Sie herumgehen können. Da ist auf der einen Seite Bayern, umrahmt von einem hohen Berg und einem Mittelgebirge mit dem Bahnhof „Schwarzburg", auf der anderen Seite ist der Bahnhof Bonn, dazwischen braucht der Zug zwei, drei Minuten auf dem Fernstreckengleis. Oder der Zug fährt in einen Schattenbahnhof (ein in der Anlage verstecktes Zugdepot).

Wie viele Züge haben Sie denn?
Das weiß ich im Moment nicht. Ich habe so viele Modellzüge zu meinem 60. Geburtstag im Juli geschenkt bekommen. Die habe ich noch gar nicht alle auspacken können.

Sind Sie Märkliner?
Ja, Märklin HO, K-Gleis. Mein Herz hat geblutet, als diese Traditionsfirma in Insolvenz gegangen ist. Jetzt hoffe ich, dass die Firma gerettet werden kann. Ich habe sie in Göppingen und auf der Spielwarenmesse in Nürnberg besucht.

Haben Sie Weggefährten auf Ihrer Anlage?
Die Bundeskanzlerin will Lokführerin auf meiner Anlage werden. Da muss ich mir was einfallen lassen, sie angemessen darzustellen.

Und diese Entscheidung treffen Sie über Weihnachten?
Ja, für so was braucht man Zeit. Die meisten Leute glauben, bei der Modellbahn fährt ein Zug im Kreis, und das Kind im Manne hat Spaß dran. So ist es nicht. Ich beschäftige mich damit jetzt schon über zehn Jahre. Und die Anlage ist noch längst nicht fertig. Die Freude liegt im Gestalten und in den Fertigkeiten, die man dazu braucht: Bei der Anlagenplanung muss man sich das räumlich vorstellen können, bei der Gestaltung der Landschaft ist das Künstlerische und das Handwerkliche gefragt. Es soll alles möglichst realistisch aussehen. Man arbeitet mit Holz, mit dem Computer, mit vielen Materialien.

Sind Sie ein geduldiger Pfriemler, gar ein Pedant in Ihrem Keller? 
Pedant weiß ich nicht, aber ich will keinen Murks. Man muss sich Zeit nehmen, sonst schludert man. Das ist ärgerlich, denn dann muss man von vorn anfangen. Aber über solchen Sachen vergisst man jeden Alltagsärger. Mein Gott, wie oft habe ich gebaut, bis die Sonne aufging.

Es würde sich doch sicher jemand finden, der einem viel beschäftigten Ministerpräsidenten zur Hand geht?
Das will ich gar nicht. Natürlich nervt es manchmal, wenn man irgendwo einen Fehler drin hat, einen Programmierfehler oder einen Kurzschluss in einem Stromkreis. Da muss nur mal eine winzige Schraube auf einem Gleis liegen bleiben. Da suchen Sie stundenlang. Das ist dann fast zum Verzweifeln.

Ist die Modellbahn das Einzige, was den Ministerpräsidenten auf die Knie zwingt, wenn er unter der Bahnanlage die Verkabelung überprüfen muss?
Nicht auf die Knie, sondern auf die Schulterblätter. Denn dann müssen sie sich auf den Rücken legen und über Kopf arbeiten (grinst). Ich gebe zu, das fiel mir vor zehn Jahren leichter als heute.

Stört es Sie, wenn Sie wegen Ihres Hobbys belächelt werden?
Nein. Das ist richtig anspruchsvoll und fordert einen. Denken Sie nur an die Elektronik und die Programmierarbeit. Der Zuglauf zum Beispiel. Das ist kompliziert. Normalerweise fährt der Modellzug und stoppt abrupt. Das ist bei mir anders: Da wird der Zug zum Bahnhof hin langsamer und hält. Und so fährt er auch wieder an (mit Stolz in der Stimme). Mit Ansage im Bahnhof. Und allem Drum und Dran. Bitte einsteigen und Türen schließen! Bis das alles läuft, fordert einen das. Und wenn Sie sich vertan haben, suchen Sie tagelang den Fehler. Aber man lernt was dabei. Wissen Sie, ich habe mit dem früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn oft über die Optimierung von Zugfolgen gesprochen. Das ist auf der Modellbahn im Grunde gar nicht anders als bei der echten Bahn.

Das ist eine Antwort auf die Frage, was der Ministerpräsident in seinem Keller abseits der Öffentlichkeit lernt. Was noch?
Ich werde mir immer wieder bewusst dabei, dass es ein Leben außerhalb der Politik gibt. Das ist etwas Wunderschönes zum Krafttanken. Das gilt auch für alle meine anderen Hobbys. Lesen, Computer, leidenschaftlich Schachspielen, Tennis, Fahrrad.

Fahren Sie als Bahn-Fan auch im Urlaub mit dem Zug?
Nein. Ich fahre seit Jahren überhaupt nicht mehr in Urlaub (verschmitztes Grinsen). Deshalb kann ich auch keine Dienstwagenaffären in Spanien haben. Ich investiere die Zeit lieber in meine Hobbys. Und zwar ungestört. Entweder in meinem Keller oder in der Natur beim Radeln im Altmühltal.

Konnten Sie Ihre Kinder für die Modellbahn begeistern?
Nein. Zwischen Planen und Bauen liegt eine unheimlich lange Strecke, wo noch kein Zug fährt. Da brauchen Sie einen langen Atem. Manchmal will man die Axt nehmen und alles zusammenschlagen, wenn etwas nicht funktioniert. Diese Geduld haben nicht alle. Insofern muss sich nicht jeder mit Modellbahnen beschäftigen, aber das Freizeitverhalten sollte sich auch nicht im Einschalten des Fernsehers erschöpfen.

Das Gespräch führte Carolin Kreil.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Mainpost.